Shell-Haus
Das Shell-Haus in Berlin: Architektur, Ingenieurskunst und Denkmalpflege eines Meisterwerks der Moderne
Das am Ufer des Landwehrkanals im Berliner Ortsteil Tiergarten (Bezirk Mitte) gelegene Shell-Haus ist eines der herausragendsten architektonischen Zeugnisse der Weimarer Republik und ein unumstrittener Meilenstein der klassischen Moderne in Deutschland. Das zwischen 1930 und 1932 an der damaligen Königin-Augusta-Straße (ab 1933 Tirpitzufer, seit 1947 Reichpietschufer 60–62, an der Ecke zur Stauffenbergstraße) errichtete Verwaltungsgebäude dominiert durch seine charakteristische, wellenförmig gestaffelte Travertinfassade bis heute den städtischen Raum unweit des heutigen Kulturforums. Mit seiner markanten Höhe von annähernd 40 Metern (exakt 39,864 Meter über dem Meeresspiegel) und seinem zehngeschossigen Kopfbau stellt das Bauwerk einen der ersten und bedeutendsten Stahlskelettbauten der deutschen Hauptstadt dar.
Der Entwurf des Düsseldorfer Architekten Emil Fahrenkamp und die konstruktive Umsetzung durch den renommierten Berliner Bauingenieur Gerhard Mensch offenbaren eine faszinierende Synthese aus der kühlen Rationalität der Neuen Sachlichkeit (New Objectivity) und einer fast barock anmutenden, organischen Formensprache. Das Shell-Haus entzieht sich damit einer rein funktionalistischen Lesart, wie sie im Neuen Bauen der 1920er Jahre weithin propagiert wurde. Vielmehr manifestiert es den Zeitgeist einer Epoche, in der die aufstrebende Industrie – in diesem Fall die globale Mineralölwirtschaft – durch städtebauliche Monumente eine unübersehbare Werbepräsenz im urbanen Raum anstrebte. Die Bedeutung des Gebäudes für die Architekturgeschichte wurde jüngst im Jahr 2019 anlässlich des 100-jährigen Bauhaus-Jubiläums erneut unterstrichen, als der Bauhausverbund das Shell-Haus als festen Bestandteil in die bundesweite Themenroute der „Grand Tour der Moderne“ aufnahm.
Weit über seine baukünstlerische Relevanz hinaus ist das Shell-Haus jedoch auch ein herausragendes Studienobjekt für die Disziplin der Denkmalpflege. Die weitreichende und fachlich intensiv diskutierte Sanierung Ende der 1990er Jahre, bei der große Teile der historischen Originalsubstanz in abgewandelter Form rekonstruiert wurden, löste fundamentale denkmaltheoretische Debatten aus. Darüber hinaus spiegelt die überaus wechselvolle Nutzungsgeschichte – vom Hauptsitz eines internationalen Ölkonzerns über die Nutzung durch das Oberkommando der Marine im Dritten Reich und die Nachkriegsjahre unter der Berliner Bewag bis hin zur heutigen Funktion als Dienstsitz des Bundesministeriums der Verteidigung – die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen Deutschlands im 20. und 21. Jahrhundert wider.
Die späten 1920er Jahre waren in Berlin von einer immensen städtebaulichen und wirtschaftlichen Dynamik geprägt. In dieser Phase suchte die Hamburger Rhenania-Ossag Mineralölwerke AG, die deutsche Tochtergesellschaft des britisch-niederländischen Royal Dutch Shell-Konzerns, nach einem adäquaten, hochrepräsentativen Standort für einen neuen Verwaltungsbau in der Reichshauptstadt. Die Wahl fiel auf das Tiergartenviertel, ein Areal, das bis dahin vorwiegend durch weitläufige, elegante und luxuriöse Privatvillen des Großbürgertums und der alten preußischen Eliten geprägt war. Der Einzug der Rhenania-Ossag markierte einen tiefgreifenden städtebaulichen Wandel dieses Viertels: Zunehmend wurden die aristokratischen Residenzen in Büroflächen umgewandelt oder abgerissen, um kommerziellen Neubauten Platz zu machen, wodurch sich das Ufer des Landwehrkanals zu einer primären Entwicklungsachse für moderne Unternehmenszentralen wandelte.
Um eine architektonisch überzeugende Lösung für das ehrgeizige Großprojekt zu finden, lobte die Rhenania-Ossag im Jahr 1929 einen beschränkten Architekturwettbewerb aus, zu dem fünf ausgewählte Architekten eingeladen wurden. Den ersten Platz dieses Wettbewerbs sicherte sich der Architekt Emil Fahrenkamp, der zu diesem Zeitpunkt als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrte. Die eigentliche Bauausführung des Großprojekts, das eine Grundfläche von rund 2.700 Quadratmetern umfasste, wurde der renommierten Siemens Bauunion anvertraut.
Die Planungs- und Genehmigungsphase war indes von massiven sozialen und städtebaulichen Konflikten begleitet. Die geplante Massivität und insbesondere die Höhe des anvisierten Gebäudes stießen bei den Anwohnern des wohlhabenden Villenviertels auf vehementen Widerstand. Die etablierten Villenbesitzer am Landwehrkanal protestierten mit Nachdruck gegen die Errichtung eines massiven Hochhauses direkt vor ihrer Haustür, da sie eine drastische Entwertung ihrer Grundstücke und eine Verschattung des Areals befürchteten. Dieser bürgerliche Protest zwang den Bauherrn und den Architekten zu signifikanten Anpassungen im Entwurf. Die heute weltberühmte, markant wellenförmige Abtreppung des Gebäudes, die von fünf beziehungsweise sechs Geschossen an der Rückseite schrittweise bis auf zehn Geschosse ansteigt, war historisch betrachtet somit nicht allein der freien ästhetischen Formfindung Fahrenkamps geschuldet. Sie stellte vielmehr eine städtebauliche Konzession an die Proteste der Nachbarschaft dar, um die massive Baumasse optisch aufzulockern und dem Bauwerk gegenüber der kleinteiligeren Umgebungsbebauung die erdrückende Schwere zu nehmen. Der Baufortschritt dieses symbolträchtigen Projekts wurde zeitgenössisch aufmerksam verfolgt und dokumentiert; so hielt beispielsweise der Künstler Richard Gessner die eindrucksvolle Stahlkonstruktion in seinem 1930 entstandenen Ölgemälde „Shell-Haus im Bau“ künstlerisch fest.
Das Verständnis des Shell-Hauses erfordert eine detaillierte Auseinandersetzung mit seinem Schöpfer, Emil Fahrenkamp (* 8. November 1885 in Aachen; † 24. Mai 1966 in Breitscheid). Fahrenkamp gehörte in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren zu den prominentesten, vielbeschäftigtsten und bestvernetzten Architekten Deutschlands. Obgleich die Architekturgeschichtsschreibung ihn oftmals als konservativen Akteur abseits der radikalen Avantgarde des Bauhauses einordnet, zeugt sein Werk von einer außergewöhnlichen Wandlungsfähigkeit.
Nach einer praxisorientierten Ausbildung in Aachen (unter anderem bei Carl Sieben und Albert Schneiders) trat Fahrenkamp von 1909 bis 1912 in das Düsseldorfer Büro des berühmten Monumentalarchitekten Wilhelm Kreis ein. Bereits ab 1911 lehrte er an der Kunstgewerbeschule Düsseldorf und wurde 1919 im Zuge der Umstrukturierung zum Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie berufen. Fahrenkamp zeichnete sich durch eine außerordentliche stilistische Flexibilität aus, die es ihm ermöglichte, zeitgenössische Strömungen wie die expressionistische Architektur und die Formensprache des Neuen Bauens sensibel zu adaptieren und sie ausgleichend mit traditionellen, handwerklich gediegenen Grundkonzeptionen zu verbinden.
Diese moderate, gefällige Ausdrucksweise – gepaart mit einer systematischen Pflege weitreichender Netzwerke in der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie – brachte ihm höchst lukrative Aufträge ein. Obwohl er überwiegend konservativ baute und nicht als Kandidat für ausgefallene Konzepte galt, wurde das 1930 begonnene Shell-Haus in Berlin zu seinem unbestrittenen Meisterstück. Es brachte ihm internationale Anerkennung als Virtuose der modernen Großstadtarchitektur ein und festigte seinen Ruf als bevorzugter Architekt des Großkapitals. Seine Gestaltungsphilosophie verdichtete sich in seinem in Schriften wie „Das Vollendete ist immer einfach“ (1938) formulierten Anspruch an neuzeitliche Industriebauten, in denen Konstruktion und Ästhetik eine harmonische Einheit bilden sollten.
Die Biografie Fahrenkamps ist untrennbar mit seiner opportunistischen und hochrangigen Rolle im Kultursystem des Dritten Reiches verbunden, die für seine spätere historische Rezeption gravierende Folgen hatte. Nach dem Scheitern des nationalsozialistisch ausgerichteten Direktorates von Peter Grund übernahm Fahrenkamp 1937 zunächst kommissarisch die Leitung der Düsseldorfer Kunstakademie. Im Januar 1939 wurde er schließlich durch Adolf Hitler persönlich endgültig zum Direktor der Staatlichen Kunstakademie ernannt – eine Machtposition, die er bis zur Zerschlagung des Regimes 1946 innehatte.
Fahrenkamp orientierte die akademische Ausbildung stark an den praktischen Bedürfnissen der Rüstungs- und Schwerindustrie, was die Kooperation mit großen Konzernen intensivierte. Zwar stilisierte er sich selbst und seine Entwurfsarbeit stets als apolitisch, doch konnte er seine herausgehobene Position nur durch exzellente und belastbare Kontakte in die höchsten Machtzirkel des Regimes, insbesondere in das direkte Umfeld von Hermann Göring und dem Propagandaminister Joseph Goebbels, behaupten. Zu seinen regimenahen Aufträgen zählten unter anderem repräsentative Gestaltungen für die „Reichsausstellung Schaffendes Volk“ (1937), der Ausbau von Schloss Rheydt zum Gästehaus für Joseph Goebbels (1940) sowie der Bau der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg (1937–1938). Die ultimative Bestätigung seiner Systemrelevanz erfuhr er 1944, als ihn das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in die sogenannte „Gottbegnadeten-Liste“ aufnahm, die ihn als unverzichtbaren Künstler des nationalsozialistischen Staates von sämtlichen Kriegseinsätzen freistellte.
Diese massive und unbestreitbare Verstrickung in den nationalsozialistischen Apparat führte dazu, dass Fahrenkamp nach 1945 kulturpolitisch als vollkommen untragbar galt. Während andere belastete Architekten ihre Vergangenheit erfolgreich verschleiern konnten und in den bundesrepublikanischen Bau- und Lehrdiskurs zurückkehrten, wurde Fahrenkamp dauerhaft aus dem offiziellen Kulturbetrieb, öffentlichen Ämtern und Architekturjurys ausgeschlossen. Ein Umstand, den er selbst zeitlebens mit völligem Unverständnis aufnahm.
Er zog sich infolgedessen aus der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend zurück. Paradoxerweise bedeutete dies jedoch keineswegs das Ende seiner praktischen Laufbahn. Geschützt durch seine alten Industrienetzwerke blieb Fahrenkamp bis zu seinem Lebensende ein hoch frequentierter Architekt für Industrie- und Privatbauten im Rheinland und im Ruhrgebiet.
Das architektonisch augenfälligste und ikonischste Merkmal des Gebäudes ist die Gestaltung der Hauptfassade zum Landwehrkanal. Fahrenkamp brach bewusst mit den starren kubischen und orthogonalen Prinzipien vieler seiner funktionalistischen Zeitgenossen und erzeugte stattdessen die stringente visuelle Dynamik einer fließenden Welle. Die Fassade springt auf ihrer gesamten Länge um jeweils eine Fensterachse vor, wobei das Gebäude gleichzeitig pro horizontalem Vorsprung vertikal um exakt ein Geschoss anwächst. Das Bauwerk entwickelt sich somit aus der Tiefe des Grundstücks von einer fünf- beziehungsweise sechsgeschossigen Höhe schrittweise hin zu einem massiven zehngeschossigen Kopfbau, der sich stolz über den Kanal erhebt.
Dieser oftmals als „maritimer Schwung“ bezeichnete Rhythmus wird durch die konsequente, weiche Abrundung der Gebäudeecken und der mitlaufenden Fensterbänder nochmals drastisch verstärkt. Die fortlaufenden, asymmetrisch geteilten Fensterbänder vermitteln dem Betrachter den optischen Eindruck, das immense Hochhaus besitze ausschließlich eine schwerelose, horizontale Gliederung. Obgleich das Shell-Haus von seiner äußeren Schlichtheit, dem Flachdach und der Linienführung her der Neuen Sachlichkeit zugerechnet wird, offenbarte Fahrenkamp hier einen starken Hang zur organischen Architektur, die ihre ästhetischen Inspirationen direkt aus der Bewegung des Wassers und der Strömung bezog. Dieser architektonische Ansatz hob das Shell-Haus deutlich von der strengen Gigantomanie ab, die etwa das zeitgleich errichtete, riesige Bürohaus der IG Farben in Frankfurt am Main (entworfen von Hans Poelzig) prägte.
Die Wahl der Fassadenbekleidung war ein zentrales Element des Entwurfs und weit mehr als eine reine Geschmacksfrage. Das tragende Stahlskelett, welches zur Aussteifung und Isolierung zunächst mit Gasbetonsteinen ausgefacht wurde, erhielt eine edle, vorgehängte Natursteinfassade. Verwendet wurde Römischer Travertin, ein heller Kalkstein, der aus dem Steinbruch „Longarina“ bei Tivoli in der Nähe von Rom importiert wurde.
Die Architektur fungierte nicht nur als neutrales Repräsentationsobjekt, sondern zugleich als subtile Ikonografie im Dienste des Bauherrn. Das Gebäude symbolisierte den globalen Aufstieg der Ölindustrie. Die geologische Herkunft der Muschelkalk- und Travertinplatten aus tiefen Sedimentschichten spielt sinnfällig auf die Jahrmillionen dauernde Entstehung von Erdöl an. Die wellenförmige Kubatur der Fassade und die prähistorischen Muscheltierchen im Gestein verschmolzen so zu einer gebauten architektonischen Allegorie des Firmenlogos – der weltbekannten gelb-roten Jakobsmuschel der Royal Dutch Shell.
In deutlicher Abweichung vom strengen Credo der frühen Moderne, „Form follows Function“ (die Form ordnet sich bedingungslos der Funktion unter), stellte Emil Fahrenkamp beim Shell-Haus den äußeren Gestaltungswillen über die reine pragmatische Nutzbarkeit im Inneren. Die eleganten Rundungen und die dynamische Wellenform der Außenfassade führten im Gebäudeinneren zu teilweise höchst unpraktischen und funktional eng begrenzten Grundrissen für die Büroräume, da an den geschwungenen Ecken reguläres Mobiliar kaum vernünftig stellbar war. Für moderne Flächenoptimierer und strenge Kostenrechner der heutigen Immobilienwirtschaft wäre ein solcher Entwurf wahrscheinlich kaum mehr vermittelbar. Für die Rhenania-Ossag jedoch erfüllte die äußere Einzigartigkeit und Monumentalität den primären Zweck einer unübersehbaren Markenpräsenz im Berliner Stadtbild, der die inneren Nachteile vollkommen aufwog.
Während Emil Fahrenkamp die stilistische Hülle und die architektonische Raumverteilung verantwortete, ist die tatsächliche bautechnische Realisierbarkeit des Shell-Hauses untrennbar mit dem Namen des herausragenden Bauingenieurs Gerhard Mensch (* 1. September 1880 in Schötmar; † 5. August 1940) verbunden. Mensch, dessen Grab sich heute auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin befindet, betrieb in den 1920er und 1930er Jahren eines der innovativsten und leistungsfähigsten Ingenieurbüros in ganz Berlin. Er zeichnete verantwortlich für hochkomplexe Tragwerke, darunter Anlagen für die Osram-Gesellschaft, Kesselhäuser für die Bewag sowie das elfgeschossige Verwaltungsgebäude des Wernerwerkes in Siemensstadt (gemeinsam mit Hans Hertlein).
Das Shell-Haus gehört zu den ersten und statisch bedeutendsten Hochhäusern Berlins, die als reine Stahlskelettkonstruktion ausgeführt wurden. Die immense konstruktive Herausforderung bestand nicht allein darin, die enormen vertikalen Lasten des bis zu elfstöckigen Kopfbaus sicher in den Baugrund abzutragen. Ebenso kritisch war es, die horizontale Stabilität gegen starke Windlasten an dem völlig ungeschützten, exponierten Standort direkt am Landwehrkanal zu gewährleisten.
Gerhard Mensch löste dieses Problem, indem er das Tragwerk durch hochentwickelte Stockwerksrahmen gekonnt aussteifte. Diese ingenieurtechnische Herangehensweise, die Mensch parallel in viel beachteten Fachaufsätzen wie „Die Aussteifung von Stahlskeletthochhäusern“ (Der Stahlbau, 1931) theoretisch untermauerte, sorgte dafür, dass im Gebäudeinneren große, ungestörte Flächen für Büros und Verkehrswege freiblieben, ohne dass massive gemauerte Wandscheiben den Raum zerteilten.
Die mit Abstand größte und meistbeachtete bautechnische Neuerung des Shell-Hauses war jedoch die revolutionäre Entkopplung des Bauwerks von den massiven Erschütterungen des stetig zunehmenden Schwerlast- und Automobilverkehrs am stark frequentierten Ufer des Landwehrkanals. Der Untergrund im Berliner Urstromtal ist stark sandig und leitet physikalische Vibrationen exzellent weiter, was für ein modernes Bürogebäude erhebliche Komforteinbußen für die Mitarbeiter und langfristige strukturelle Risiken für das Stahlskelett bedeutet hätte.
Gerhard Mensch entwarf zur Lösung dieses Problems eine radikale Gründungskonstruktion: Das gesamte Stahlskelett des vierflügeligen Gebäudes ruht vollständig isoliert in einer massiven, extrem stabilen Eisenbetonwanne, die bis zu neun Meter tief unter das Straßenniveau in die Erde reicht. Um die vom Straßenverkehr ausgehenden Schwingungen effektiv zu absorbieren, wurden die Seitenwände dieser Betonwanne durch einen präzise berechneten, exakt zwei Zentimeter breiten Luftschlitz von den darüber liegenden Bauteilen und den angrenzenden Gehwegen dauerhaft getrennt. Durch diese physikalische Unterbrechung der Körperschallbrücke stand das schwere Bauwerk trotz des tosenden Verkehrs praktisch vollkommen erschütterungsfrei. Diese Konstruktion erregte in der zeitgenössischen Fachwelt, dokumentiert durch umfangreiche Publikationen in Fachzeitschriften wie der „Bautechnik“ (1933) oder Wasmuths Monatsheften, größtes Aufsehen und gilt als Glanzleistung des deutschen Bauingenieurwesens.
Die innere Strukturierung und Ausstattung des Gebäudes bei seiner Eröffnung 1932 spiegelte die stringente Hierarchie, die Repräsentationslust und die spezifischen funktionalen Bedürfnisse eines der größten multinationalen Mineralölkonzerne der Weimarer Republik detailgetreu wider. Das ausgedehnte Haus wurde über drei großzügig dimensionierte Treppenhäuser erschlossen, denen jeweils modernste Fahrstuhlanlagen zugeordnet waren.
Die Unterkellerung erstreckte sich großzügig über zwei Etagen. Im ersten Kellergeschoss befand sich eine weitläufige Tiefgarage für den betriebseigenen Fuhrpark sowie die Fahrzeuge der Direktion. Ein besonderes architektonisches Highlight war in diesem Zusammenhang die Konzeption des Foyers und des zentralen Zugangsbereichs im Innenhof: Von den Verkehrsflächen des Erdgeschosses aus gab ein aufwendig konstruiertes, begehbares gläsernes Dach den Blick direkt nach unten auf die parkenden Automobile in der Hofgarage frei. Fahrenkamp inszenierte hier das Automobil als Fetisch der Moderne – eine bewusste architektonische „Ode an den Verkehr“. Dem Unternehmensgegenstand der Rhenania-Ossag entsprechend, existierte an der Gebäudeseite zur Hitzigallee sogar eine voll funktionstüchtige, in den Baukörper harmonisch integrierte Shell-Tankstelle, die den Mitarbeitern und Firmenfahrzeugen exklusiv zur Verfügung stand.
Die interne Raumaufteilung war streng funktional gegliedert: Die Beletage im ersten Obergeschoss beherbergte einen hocheleganten, repräsentativen Sitzungssaal für den Aufsichtsrat und die Geschäftsführung. In den mittleren Etagen befanden sich die in ihrer Größe flexibel anpassbaren, überwiegend ein- und zweiachsigen Büroräume der Sachbearbeiter. Im obersten, dem zehnten Geschoss, thronten die exklusiven Direktionsbereiche, ein gehobenes Firmenkasino sowie großzügige, modern ausgestattete Küchenräume für die Verpflegung der Mitarbeiterg. Die flachen Dächer, die für die Architektur der Neuen Sachlichkeit obligatorisch waren, wurden als aufwendig terrassierte Freiflächen ausgebildet, die von der Belegschaft begehbar waren und einen weiten, unverbauten Blick über den Tiergarten und das Regierungsviertel boten.
Die Glanzzeit der Rhenania-Ossag im Shell-Haus währte jedoch nur extrem kurz. Bereits kurz nach der Fertigstellung und der feierlichen Eröffnung im Jahr 1932 änderten sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 die politischen Rahmenbedingungen für internationale Konzerne in Deutschland drastisch. Der NS-Staat beanspruchte repräsentative Immobilien im Regierungsviertel zunehmend für den eigenen militärischen und administrativen Apparat.
Da der räumlich direkt benachbarte Bendlerblock am Tirpitzufer (heute Reichpietschufer) für die rasante und kriegsvorbereitende Aufrüstung und Expansion des Militärs nicht mehr ausreichte, musste der Shell-Konzern das Gebäude räumen. Ab 1934 belegte die Marineleitung (die ab 1935 offiziell zum Oberkommando der Marine, OKM, umstrukturiert wurde) den repräsentativen Bau und funktionierte ihn zum militärischen Planungszentrum um.
Während des verheerenden Zweiten Weltkriegs erfuhr die tiefe und bombensichere Eisenbetonwanne des Hauses, die Mensch einst zum Erschütterungsschutz entworfen hatte, eine makabere Umnutzung: In den gesicherten Tiefkellern richtete das Militär ein großes Notlazarett für verwundete Soldaten ein. Trotz des hochstabilen Stahlskeletts und des schwingungsdämpfenden Fundaments blieb das exponierte Gebäude von den massiven Kriegseinwirkungen der Alliierten nicht verschont. Insbesondere während der finalen, erbitterten Schlacht um Berlin im April und Mai 1945 war das Gebiet um den Landwehrkanal und das Tiergartenviertel Schauplatz schwerster Artilleriegefechte. Das Shell-Haus erlitt katastrophale Beschädigungen, bei denen vor allem die markanten oberen Geschosse durch Treffer teilweise völlig zerstört ausbrannten. Dennoch zählte es, dank seiner modernen Stahlskelettstruktur, zu den wenigen großen Bürogebäuden der Innenstadt, die die systematische Zerstörung Berlins in ihrer tragenden Grundstruktur überhaupt überstanden.
Nach der bedingungslosen Kapitulation 1945 stand das vormals stolze Gebäude als schwer beschädigte, ausgebrannte Ruine in der Trümmerlandschaft des Tiergartens. Der Shell-Konzern zeigte kein wirtschaftliches Interesse an einer aufwendigen Rückkehr an diesen stark kriegsgezeichneten Standort und veräußerte das beschädigte Gebäude an das West-Berliner Energieversorgungsunternehmen Bewag (Berliner Kraft- und Licht-Aktiengesellschaft).
Bereits 1946 zog die Zentralverwaltung der Bewag in die provisorisch wetterfest gemachten unteren Stockwerke ein. Im Jahr 1952 ging das Gebäude schließlich offiziell und juristisch in das Volleigentum der Bewag über, welche in den folgenden Jahren die massiven Kriegsschäden an den oberen Etagen sukzessive beseitigen ließ. Diese frühen Nachkriegsreparaturen waren jedoch stark vom Mangel der Zeit geprägt, überwiegend pragmatischer Natur und folgten weniger denkmalpflegerischen Maßstäben als dem akuten Bedarf an funktionierenden Büroflächen.











































































































































