Haus Rabe – Wo Architektur zur Kunst wird























































































Tauchen Sie ein in ein Gesamtkunstwerk der Moderne
In dieser Fotoserie präsentiere ich die Highlights dieses denkmalgeschützten Juwels.
Es ist einer der seltenen Orte, an denen Architektur, Design und bildende Kunst eine vollkommene Symbiose eingehen.
Architektonische Bedeutung
Das Haus Rabe wurde zwischen 1929 und 1931 für das Arztehepaar Erna und Erich Rabe erbaut. Es ist deshalb so bedeutend, weil Architektur, Inneneinrichtung und Kunst eine untrennbare Einheit bilden.
Architekt: Adolf Rading war ein bedeutender Vertreter des Neuen Bauens und Weggefährte von Oskar Schlemmer. Im Jahr 1929 erhielt Adolf Rading den prestigeträchtigen Auftrag, in Zwenkau ein multifunktionales Gebäude zu entwerfen, das als Wohnhaus und gleichzeitig als Arztpraxis für den niedergelassenen Allgemeinmediziner Dr. med. Erich Rabe und dessen Ehefrau Erna Rabe dienen sollte. Rading konzipierte das Gebäude explizit nach seinem theoretischen Konzept der absoluten „Einheit von Arbeit, Wohnen und Leben“. Diese Dreifaltigkeit der existenziellen Sphären sollte sich nicht nur im Grundriss manifestieren, sondern durch die Integration der bildenden Kunst eine geistige Überhöhung erfahren.
Künstlerische Gestaltung: Oskar Schlemmer, der berühmte Bauhaus-Meister, schuf für das Haus ein einzigartiges Ensemble aus Wandbildern, Reliefs und Drahtkompositionen.
Stil: Klassische Moderne mit Einflüssen des Funktionalismus.
Das Raumkonzept
Rading entwarf das Haus von innen nach außen. Das Gebäude zeichnet sich äußerlich durch klare kubische Formen, flache Dächer und asymmetrisch angeordnete Fensterbänder aus, die den Vorgaben des Neuen Bauens folgen. Außenansichten verdeutlichen die präzise Setzung der Öffnungen in der hell verputzten Fassade, die das Tageslicht gezielt in das Innere leiten. Große Fensterfronten und eine offene Grundrissgestaltung waren für die damalige Zeit revolutionär.
Im Inneren entfaltet sich ein fließendes Raumkontinuum. Herzstück des privaten Bereichs bildet die großzügige Wohnhalle, oft auch als Wohndiele bezeichnet. Hier kulminiert Radings architektonische Vision in einem Raumtypus, der durch seine ausgewogenen Proportionen, den Einsatz spezifischer Farben und die Integration maßgefertigter Einbauten eine Atmosphäre von beschaulicher Ruhe und strenger geistiger Klarheit erzeugt. Die Farbwahl in den Räumen war kein Zufall, sondern folgte einem psychologischen und ästhetischen Konzept, um die Raumwirkung zu unterstützen. In der Wohndiele befinden sich bis zum heutigen Tag im Original erhaltene Bauhausmöbel. Diese Möblierung ordnet sich der Architektur nicht einfach unter, sondern bildet einen integralen Bestandteil der Raumchoreografie.
Die Kunst von Oskar Schlemmer
Das Haus Rabe ist heute vor allem deshalb weltberühmt, weil es den größten erhaltenen Bestand an baugebundener Kunst von Oskar Schlemmer beherbergt.
Oskar Schlemmer hatte von 1927 bis 1929 am Bauhaus gelehrt. Am Dessauer Bauhaus etablierte und lehrte Schlemmer ab 1927 das obligatorische Fach „Der Mensch“, eine hochkomplexe Disziplin, die er selbst als „Menschenlehre“ bezeichnete. Dieser Lehrgang war von dem beispiellos ehrgeizigen Versuch gekennzeichnet, die isolierten Wissensbestände zahlreicher unterschiedlicher Disziplinen, von der medizinischen Anatomie und Physiologie über die Psychologie und Philosophie bis hin zur architektonischen Proportionenlehre, in eine allumfassende, holistische Anthropologie zu gießen.
Die Drahtplastik „Homo-Figur F“ als räumliches Liniengeflecht
Als unbestrittener künstlerischer und visueller Höhepunkt der gesamten Innengestaltung gilt Schlemmers meisterhafte Drahtplastik „Homo-Figur F“, die das Raumgefüge der Wohnhalle dominiert. Diese extrem filigrane, aus gebogenem Metalldraht konstruierte Plastik verdankt ihre Existenz einer Tuschezeichnung, die Schlemmer bereits in den Jahren 1920/21 angefertigt hatte und übersetzt sie in ein masseloses, dreidimensionales Liniengeflecht. Anstatt den Raum zu verdrängen, macht sie ihn durchlässig und tritt als „energetischer Knotenpunkt“ in Dialog mit der Architektur und den Bauhaus-Möbeln. Sie manifestiert Schlemmers Anthropologie: Der Mensch als transparentes, maßgebendes Zentrum seiner gebauten Umgebung.
Das Gesichtsprofil aus Metall in der Wohnhalle
Eine der theoretisch am stärksten aufgeladenen Interventionen Schlemmers im Haus Rabe ist das aus Metall geformte Gesichtsprofil, das direkt auf der Wand der Wohnhalle installiert ist. Diese Arbeit rekurriert explizit auf jahrhundertealte Diskurse der Architekturtheorie und transformiert diese in die Ästhetik der Maschinenkunst. Indem Schlemmer ein abstrahiertes Metallprofil auf der Putzwand appliziert, verwandelt er die Wand metaphorisch in einen atmenden, blickenden Körper. Das Profil ragt in den Raum hinein und etabliert eine stumme, wache Präsenz. Die Wahl des Werkstoffs Metall – kühl, industriell gefertigt, das Licht hart reflektierend, steht in einem maximalen, kalkulierten Kontrast zu den weicheren, organischen Assoziationen des menschlichen Gesichts. Es verankert das Werk fest in der sachlichen, funktionalen Formensprache, die Adolf Rading für die Innenarchitektur gewählt hatte. Das Metallgesicht wird zum stillen Beobachter des Lebens in der Wohnhalle.
Das Achsenkreuz
Das „Achsenkreuz“ von Oskar Schlemmer beschreibt das dynamische Zusammenspiel von Kunst und Betrachter im Raum. Es besteht aus zwei Dimensionen: der vertikalen „Faszination“ (die unmittelbare emotionale Wirkung eines Werks) und der horizontalen „Reflexion“ (das intellektuelle Verständnis im architektonischen Kontext). Am Beispiel des Haus Rabe zeigt sich die Brillanz dieses Konzepts: Der anfängliche visuelle Schock beim Betreten des Raumes wandelt sich beim Umhergehen in ein tiefes Verständnis für die Raumgeometrie. Diese perfekte Balance aus Gefühl und Verstand macht Schlemmers Wandgestaltungen zu einem unverzichtbaren Teil der Architektur.
Die monumentale Karyatide im Treppenhaus: Malerei als Tektonik
Während die Arbeiten in der Wohnhalle durch materielle Reduktion (Draht, Metall) bestechen, wählte Schlemmer für das zentrale, dynamische Treppenhaus den Weg der großformatigen, hochgradig farbigen Wandmalerei. Hier erstreckt sich eine gemalte, monumentale Karyatide über zwei volle Stockwerke in die Höhe.
Erhaltungszustand und heutige Nutzung
Der Schlüssel zum physischen Überleben dieses epochalen Gesamtkunstwerks liegt paradoxerweise in Adolf Radings ursprünglicher architektonischer Konzeption der „Einheit von Arbeit, Wohnen und Leben“ verborgen. Die Existenz der funktionierenden ärztlichen Praxis im Erdgeschoss war für die lokale Gemeinschaft und die Bevölkerung in Zwenkau und Umgebung von immenser und alltäglicher Bedeutung. Die zwingende funktionale Notwendigkeit der medizinischen Versorgung und der traditionell extrem hohe gesellschaftliche Respekt, der dem ärztlichen Stand sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR entgegengebracht wurde, bildeten einen unsichtbaren, aber hochwirksamen schützenden Kokon um das gesamte Gebäude.
Nach dem Tod beziehungsweise dem altersbedingten Rückzug des Bauherrn Dr. med. Erich Rabe trat dessen Tochter, Dr. med. Gabriele Schwarzer, entschlossen in die beruflichen Fußstapfen ihres Vaters. Sie übernahm die Verantwortung für das Gebäude und betrieb in der direkten Nachfolge ihres Vaters die Facharztpraxis für Chirurgie im Erdgeschoss des Hauses kontinuierlich bis in das Jahr 1991, also sogar über das politische Ende der DDR hinaus.
Dr. Schwarzer beschränkte sich jedoch nicht nur auf die medizinische Versorgung, sondern sie pflegte und beschützte die privaten Wohnungen in den Obergeschossen, in denen sich die essenziellen, unangetasteten Kunstwerke Schlemmers befanden, über mehrere Jahrzehnte hinweg mit allergrößter, geradezu aufopferungsvoller Sorgfalt.
Der singuläre Erhalt dieses einzigartigen Ensembles ist in allererster Linie der Familie Rabe und insbesondere dem unbeirrbaren persönlichen Einsatz von Dr. Gabriele Schwarzer zu verdanken.
Durch ihre verinnerlichtes Verständnis für den immensen kunsthistorischen Wert des elterlichen Erbes konservierte sie eine der wichtigsten Ikonen der Moderne durch zwei totalitäre Diktaturen hindurch. Das Haus Rabe ist somit nicht nur ein exzeptionelles Monument der Kunst und Architektur, sondern gleichermaßen ein Denkmal des stillen, subversiven und beharrlichen Widerstands durch bloße Bewahrung.
Die Rolle und das Portfolio der Kulturstiftung Leipzig
Ein entscheidender Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Hauses war das Jahr 2015. Seit diesem Zeitpunkt bemüht sich die renommierte Kulturstiftung Leipzig äußerst intensiv und strukturiert um das Gebäude, welches sich nach wie vor in Privatbesitz befindet. Das erklärte, langfristige Ziel der Stiftung ist es, das hochsensible Gebäude sukzessive einer denkmalgerechten öffentlichen Nutzung zuzuführen und es als Museum, Ausstellungsort und wissenschaftlichen Arbeitsort dauerhaft auf der kulturellen Landkarte zu etablieren.
Darüber hinaus verfolgt die Kulturstiftung Leipzig das überaus ambitionierte, aber sachlich völlig gerechtfertigte Ziel, die offizielle Anerkennung des Hauses Rabe als UNESCO-Weltkulturerbe zu initiieren. Dieses Vorhaben unterstreicht eindrucksvoll den Anspruch, dass das Haus in seiner vollendeten Symbiose aus Architektur (Rading) und Kunst (Schlemmer) nicht nur sächsische oder deutsche, sondern globale Kulturgeschichte höchsten Ranges repräsentiert.
Besichtigung: Es wird museal genutzt und kann im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Da es ein privates Wohnhaus in einem Wohngebiet ist, ist eine vorherige Anmeldung meist zwingend erforderlich.
Adresse:
Ebertstraße 26, 04442 Zwenkau.
Danksagung: Stille Momente im Haus Rabe
Architekturfotografie lebt von der Ruhe und dem Licht. Mein besonderer Dank gilt daher Dr. Tanja Müller-Jonak die mir die Türen zum Haus Rabe weit über die regulären Besichtigungszeiten hinaus geöffnet hat. Die Möglichkeit, dieses Gesamtkunstwerk von Adolf Rading und Oskar Schlemmer völlig autark und ungestört über mehrere Stunden fotografisch zu dokumentieren, war eine tiefgreifende Erfahrung. Dieses Vertrauen war der Schlüssel zu den Aufnahmen, die Sie hier sehen, ein ungestörter Blick auf ein Juwel der Moderne.


























































































































