Haus Schminke
„Das Haus, das mir das liebste war, ließ sich der Fabrikant Schminke in Löbau, Sachsen, bauen“ sagte Hans Scharoun einmal. Und auch Julius Posener sah in dem Haus „eine der subtilsten Schöpfungen der Architektur unserer Epoche“. Fremd und futuristisch muss das Domizil des Fabrikantenehepaares Fritz und Charlotte Schminke dagegen auf die Bewohner von Löbau gewirkt haben, brachte man zu der Zeit Bürgerlich-Repräsentatives doch eher durch herrschaftliche Gründerzeitvillen zum Ausdruck.
Um die Genese eines derart avantgardistischen Bauwerks in einer ostsächsischen Kleinstadt zu begreifen, bedarf es einer Analyse der lokalen Wirtschafts- und Sozialstrukturen. Die 1221 erstmals urkundlich erwähnte Stadt Löbau profitierte historisch von ihrer strategischen Lage und war 1346 Gründungsmitglied des einflussreichen Sechsstädtebundes (mit Bautzen, Görlitz, Zittau, Lauban und Kamenz), der den Handel in der Region dominierte. Mit der Eröffnung des Eisenbahnviadukts 1847 und dem Anschluss an die transkontinentale Verbindung Paris–Warschau erlebte Löbau im späten 19. Jahrhundert einen massiven industriellen Aufschwung, der insbesondere Betriebe der Lebensmittel- und Textilindustrie anzog.
In diesem florierenden wirtschaftlichen Klima erwarb Wilhelm Schminke, ehemals leitender Angestellter einer Textilfabrik, im Jahr 1904 die insolvente, 1874 gegründete „Anker-Teigwarenfabrik Richter & Loeser“.
Die Geschichte des Hauses beginnt mit dem Löbauer Teigwarenfabrikanten Fritz Schminke, der die von seinem Vater Wilhelm 1904 übernommene Fabrik hochgradig modernisierte. Sein progressive Unternehmergeist spiegelte sich auch in der privaten Lebensführung wider. Fritz und Charlotte Schminke waren an zeitgenössischer Kunst und Architektur außerordentlich interessiert. Auf der Suche nach architektonischen Inspirationen besuchten sie die weichenstellenden Bauausstellungen des Deutschen Werkbundes, darunter die Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) und die Werkbundausstellung „Wohnen und Werkraum“ (WUWA) in Breslau (1929). Auf letzterer stießen sie auf ein Gebäude, das den Grundstein für ihr eigenes Bauvorhaben legen sollte: das Ledigenwohnheim von Hans Scharoun. Das Paar entschied sich, den Architekten Hans Scharoun mit dem Entwurf der Villa auf dem Nachbargrundstück der Nudelfabrik zu beauftragen.
Hans Scharoun (1893–1972) wuchs in der Hafenstadt Bremerhaven auf, eine biografische Prägung, die sich in seiner lebenslangen Affinität zu maritimen Formen, fließenden Raumübergängen und technischer Funktionalität niederschlug. Nach seinem Abitur 1912 studierte er bis 1914 an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg unter Hans Poelzig, bevor der Erste Weltkrieg seine akademische Laufbahn unterbrach. Ab 1919 arbeitete er als freier Architekt im ostpreußischen Insterburg und knüpfte enge Kontakte zu den Protagonisten der Avantgarde, darunter Bruno Taut, Walter Gropius und Mies van der Rohe.
Von 1925 bis zu deren Schließung 1932 lehrte Scharoun an der Staatlichen Kunstakademie in Breslau, wo er ein Gemeinschaftsbüro mit dem Architekten Adolf Rading führte. In dieser produktiven Phase positionierte sich Scharoun zunehmend in Distanz zum dogmatischen, streng orthogonalen Funktionalismus, wie er teilweise am Bauhaus oder in der CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne) propagiert wurde. Beeinflusst durch den Architekturtheoretiker Hugo Häring (1882–1958), einen Mitbegründer der Architektenvereinigung „Der Ring“, wandte sich Scharoun der „organhaften Architektur“ zu.
Häring formulierte 1932 in seinem Aufsatz „Das Haus als organhaftes Gebilde“, dass die Form nicht von außen dem Gebäude aufgezwungen werden dürfe (die sogenannte „Gestaltsetzung“ beziehungsweise das Apriori geometrischer Körper wie beim Kubismus), sondern sich intrinsisch aus dem Leben der Bewohner entwickeln müsse. Scharoun internalisierte dieses Prinzip der „Gestaltfindung“ als wesentlichste Maxime seiner Arbeit. Er konstatierte 1964 rückblickend, dass es statt der Voraussetzung isolierter architektonischer Elemente um eine „strukturelle Ordnung“ gehe, um die Darstellung eines „Vorgangs“ in funktioneller und geistiger Hinsicht.
Diese theoretische Haltung erklärt, warum das Haus Schminke keine starre Symmetrie aufweist. Die Form entwickelte sich aus den spezifischen Bewegungsabläufen der sechsköpfigen Familie, der Sonnenlaufbahn und der Topographie des Grundstücks. Diese Methodik, die Raumkonzeption konsequent aus dem Inneren nach außen zu entwickeln, prägte Scharouns gesamtes Œuvre, von den während der Zeit des Nationalsozialismus im Verborgenen gemalten Aquarellen („imaginäre Architekturen“) bis hin zu seinen späten Meisterwerken wie der Philharmonie Berlin (1960–1963), der Scharounschule in Marl (1964–1971) und der Staatsbibliothek zu Berlin (1967–1978).
In den Jahren 1931 bis 1933 entstand ein innovativer Stahlskelettbau, der durch seine Reling-artigen Balkone, runden Bullaugenfenster und Außentreppen optisch an ein Schiff erinnert. Diese nautische Ästhetik brachte dem Gebäude im Volksmund den liebevollen Namen „Nudeldampfer“ ein. Während das Erdgeschoss durch fließende Raumübergänge und große Glasfronten besticht, wurden die Schlafräume im Obergeschoss spartanisch wie Schiffskojen gestaltet. Zudem ist das Haus außergewöhnlich kindgerecht, mit eigenen Spielecken, niedrigen Durchstiegsfenstern und einer zum Rutschen gebauten Treppe.
Die Wirtschaftsräume wurden mit kompromissloser Sachlichkeit geplant. Die Küche des Hauses Schminke folgt den Prinzipien der berühmten „Frankfurter Küche“, die in den 1920er Jahren von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky zur Rationalisierung der Hausarbeit entwickelt worden war. Das Layout basierte auf dem ergonomischen Arbeitsdreieck von Herd, Spüle und Vorratsschrank. Scharoun verwendete pflegeleichte Materialien und integrierte standardisierte Typenelemente wie die typischen Aluminiumschütten für Mehl und Zucker. Um den Alltag zu vereinfachen, wurden Türgriffe an Schiebetüren so gestaltet, dass das Hauspersonal sie auch mit vollen Händen per Ellenbogen bedienen konnte. Der Industriebezug reichte bis in das Untergeschoss, wo Scharoun im Heizungskeller auf Ventile aus dem Schiffsbau zurückgriff, um einen rohen Industriecharme zu erzeugen.
Das offene Wohnkonzept erforderte kluge Lösungen: Die Textilkünstlerin Otti Berger entwarf ein System aus mobilen Wandvorhängen und schienengeführten Stoffen, mit denen sich die großen Räume flexibel unterteilen ließen. Für die nahtlose Verbindung von Natur und Architektur sorgte die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher. Sie legte den Garten auf der der Fabrik abgewandten Nordseite an und integrierte unter anderem Teiche, in deren Wasseroberfläche sich das Haus wie ein vor Anker liegendes Schiff spiegelt.
Die Familie Schminke konnte ihr Heim nur zwölf Jahre lang genießen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs musste Charlotte Schminke 1945 fliehen, und das Gebäude wurde kurzzeitig von der Roten Armee beschlagnahmt. Nach der formellen Enteignung der Fabrik und des Hauses richtete die Familie zunächst ein Kindererholungsheim ein, bevor sie 1951 endgültig in den Westen zog. In der DDR-Zeit wurde die Architekturikone unter anderem als FDJ-Klubhaus und als Pionierhaus genutzt – eine Tatsache, die das Gebäude letztlich vor dem Abriss bewahrte.
Nach der Wiedervereinigung verzichteten die Töchter der Familie Schminke 1993 großmütig auf die Rückübertragung, unter der Prämisse, dass das Haus der Öffentlichkeit zugänglich bleibt. In den Jahren 1999 bis 2000 rettete eine umfassende Großsanierung durch die Wüstenrot Stiftung und die Stadt Löbau das Denkmal vor dem Verfall. Heute wird es von der 2007 gegründeten „Stiftung Haus Schminke“ betrieben. Besucher aus aller Welt können das Architekturjuwel nicht nur bei Führungen besichtigen, sondern das Raumgefühl auch bei einer architektonischen Übernachtung authentisch erleben.






















































































































































































